Refresh loader

Briefeschreiben: Alte Hobbys werden wieder lebendig

Home > Modernes Leben > Briefeschreiben: Alte Hobbys werden wieder lebendig

Briefeschreiben: Alte Hobbys werden wieder lebendig

Ich weiß noch genau, wie sich das angefühlt hat: Wochenlang auf einen Brief der ersten großen Liebe zu warten. Die lebte leider Gottes in Irland – und das lange vor der Erfindung des Smartphones. Und dann, wenn die Antwort endlich angekommen war, das Ganze häppchenweise über Tage zu lesen, damit man nur ja lange was davon hatte. Auch mit der eigenen Antwort ließ ich mir Zeit: Briefeschreiben konnte sich damals in den 80ern schon mal über über zwei Wochen hinziehen.

Tja, wovon erzählt die komische, altmodische Frau da nur? In Zeiten der digitalen Kommunikation fühlt man sich manchmal wie ein Mensch vom anderen Stern. Informationen werden binnen Sekunden ausgetauscht, Verabredungen innerhalb von Minuten getroffen, verworfen, Karten neu gemischt und, und, und. Warten – oder gar Schmachten – ist nicht mehr.

Die Spezies „Briefeschreiber“ stirbt nicht aus

Dabei ist Briefeschreiben etwas Herrliches. Diese Entschleunigung, dieses Sich-Auseinandersetzen mit der Frage: Ist das wirklich wichtig genug, dass es Platz im Brief findet? Was auf dem Papier landet, ist reflektiert worden. Filtern, Gewichten – all das findet beim Briefeschreiben statt.

Offenbar bin ich nicht die Einzige, die das schön findet. Briefeschreiben ist wieder Mode gekommen – zumindest ein wenig. Das Kuriose daran: Briefeschreiber finden und organisieren sich zunehmend im – na, wo wohl? – Internet. Klingt erst mal widersprüchlich, lässt sich bei näherem Hinsehen aber prima in Einklang bringen.

Postcrossing: WhatsApp und E-Mail zum Trotz

So trifft sich die Schreiberszene beispielweise auf www.postcrossing.com. Bei diesem Projekt, das sich zwei Portugiesen und eine Australierin ausgedacht haben, flattern jedem, der sich angemeldet hat, papierne Postkarten von überall auf der Welt ins Haus.

Das Ganze funktioniert ganz einfach. Zunächst eröffne ich ein Konto. Nach der Registrierung fordere ich eine Adresse. Dahin schicke ich meine Postkarte. Sobald sie im Briefkasten versenkt ist, macht sich gleichzeitig irgendwo auf der Welt eine Postkarte auf den Weg zu mir. Die ID der erhaltenen Postkarte registriere ich im System. Fertig!

Postcrossing ist nicht das einzige Projekt, das sich mit Briefeschreiben befasst. Der Brite Craig Oldham betrachtet das Briefeschreiben von der Meta-Ebene aus. Er sammelt Briefe von Menschen, die sich darüber auslassen, was Briefeschreiben für sie wichtig macht. Worum es ihm geht: das Persönliche des Briefeschreibens sichtbar zu machen. “Eine Tatsache, die derzeit untergeht im Wust an unpersönlichen und automatisierten Nachrichten und Junk Mail”, schreibt der Designer auf seiner Webseite www.handwrittenletterproject.com. Dort wirbt er auch dafür, ihm Briefe übers Briefeschreiben zu schreiben, damit das Projekt weiterlebt.

Briefeschreiben wird zum Lebensinhalt

Die Buchbinderin und Künstlerin Jennie Hinchcliff beschäftigt sich auf ihrer Homepage mit nichts anderem als dem Briefeschreiben, der Gestaltung von Briefpapier und Umschlägen, Tintenfässchen und Stempeln. Shaun Usher dagegen sammelt persönliche Briefbögen von Berühmtheiten. In seiner Kollektion sind Stars wie Johnny Cash, Elizabeth Taylor oder Frank Zappa vertreten. Anschauen kann man sie sich unter www.letterheady.com. Handgeschriebene Briefe von Berühmtheiten sammelt er ebenfalls und veröffentlicht sie als Buch.

Man sieht, das Briefeschreiben ist nicht kaputtzukriegen. Zum Glück. Also einfach mal wieder zum Stift greifen, oder gar zum Füllfederhalter, und ein paar Zeilen zu Papier gebracht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.